“Ich habe eine schlechte Nachricht…”

Gestern rief ich eine frühere Kommilitonin zurück, die versuchte hatte, mich zu erreichen. Ich ahnte bereits etwas Negatives, hatte aber eher befürchtet, es gäbe Probleme in ihrer Schwangerschaft (ihre erste Schwangerschaft war bereits problematisch verlaufen). Als sie dann sagte, sie habe mir etwas Unerfreuliches mitzuteilen, fühlte ich mich bestätigt. Aber ihre Nachricht hatte nichts mit ihr selbst zu tun, war aber dafür umso schlimmer: Eine andere frühere Kommilitonin, mit der wir aufgrund des gemeinsamen Schwerpunktes auf User Experience während des Studiums öfter zu tun hatten, Steffi, ist an einer Lungen-Embolie aufgrund einer Thrombose gestorben.

Niemand "verdient" meiner Ansicht nach den Tod. Dennoch gibt es Menschen, die ihn noch weniger verdienen als andere. Und zu ersteren gehörte Steffi. Sie war immer nett, hilfsbereit, vertrauenswürdig, zuverlässig. Ich habe nicht mitbekommen, dass sie sich je etwas hätte zu Schulden kommen lassen. Man kann ihr nicht einmal Unvernunft vorhalten, denn sie ist wegen Schmerzen im Bein nach einem Flug nach Australien sogar extra zum Arzt gegangen. Der schickte sie weiter zu einem Facharzt. Und dieser meinte, alles sei in Ordnung, sie könne wieder fliegen. Und der darauf folgende Flug war ihr letzter.

Das Leben ist nicht fair, und der Tod erst recht nicht. Steffi hätte ihr Leben zum Guten genutzt, da bin ich sicher. Aber sie darf nicht weiterleben, im Gegensatz zu vielen Menschen, die ihr Leben zum Schlechten nutzen.

Dieses schreckliche Ereignis hat mir wieder einmal brutal vor Augen geführt, wie sehr wir uns damit belügen, das Leben für selbstverständlich zu halten. Wir leben unser Leben in der Annahme, 80 Jahre alt zu werden. Wir verschieben Dinge auf unbestimmte Zeit in die Zukunft, weil wir für sicher halten, dass es diese Zukunft geben wird. Und dabei ignorieren wir, dass das Leben morgen zu Ende sein kann. Wir verschwenden unsere Zeit mit unwichtigem Mist, weil wir denken, sie wäre im Überfluss vorhanden. Steffi hat nicht einmal 30 Jahre gelebt. Und sie hatte sicher genauso wie die meisten anderen gedacht, sie würde alt.

Und das Schlimme daran ist: Obwohl ich mir immer wieder versuche, mir meine eigene Sterblichkeit bewusst zu machen, schaffe ich es trotzdem nicht, mein Leben bewusst zu leben. Ich verbringe den Größten Teil meiner Zeit trotzdem mit Dingen, die nur dem Geldverdienen, dem Spaß oder gesellschaftlichen Zwängen dienen. Ich fülle mein Leben nicht mit Inhalt.

Mein Plan ist, meine Ersparnisse am Ende meines Lebens (welches ich irgendwann in mehr als 50 Jahren sehe) zum Großteil an einen guten Zweck zu spenden, um nach dem Tod noch etwas Positives zu bewirken. Und was ist, wenn ich nicht die Zeit habe, solche Ersparnisse anzuhäufen? Ich will Organspender werden, um mit meinem Tod einem anderen Menschen Leben zu schenken. Noch habe ich mich aber nicht aufraffen können, einen Organspendeausweis zu beantragen. Was ist, wenn der Tod schneller kommt als der Organspendeausweis?

Das einzige, was mir die Bewusstheit der eigenen Sterblichkeit bringt, ist ein Prinzip, das ich weitgehend durchhalte: Ich setze alles daran, mit Menschen, die mir wichtig sind, nicht im Streit auseinander zu gehen. Und falls das doch passiert, versuche ich, diesen Menschen so bald es geht zu erreichen und den Streit beizulegen. Denn ich denke mir dann immer: Was ist, wenn dieser Mensch plötzlich stirbt, ohne dass ich die Chance hatte, mich mit ihm zu vertragen? Ich könnte es mir nie verzeihen.

Deshalb hoffe ich, dass Steffi allen Menschen, die ihr wichtig waren, in rein positiver Erinnerung bleibt. Und ich hoffe, dass ihr Tod zumindest andere Menschen dankbarer dafür gemacht hat, dass sie selbst noch leben.

In Trauer,

Thomas

This entry was posted in Personal. Bookmark the permalink.